Bundesverband für Tiergesundheit e.V.Bundesverband für Tiergesundheit e.V.
Kontakt | Sitemap | Suche | Datenschutz | Impressum

Vortrag: Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin – Situation in Deutschland und anderen europäischen Veredelungsregionen

Der Vortrag wurde von Dr. Martin Schneidereit, BfT-Geschäftsführer, anlässlich der 20. Jahrestagung der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie am 14.-16.09.2006 in Bonn gehalten

Der Einsatz von Antibiotika in Humanmedizin und Veterinärmedizin dient der Prävention und Heilung von bakteriellen Erkrankungen. Gleichwohl gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Anwendungsbereichen. Während in der Humanmedizin die ärztliche Verpflichtung zur Prävention und Heilung vorherrscht, wird der Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin von Erwägungen des Tierschutzes und auf Nutztierseite vor allem durch das Ziel bestimmt, aus Tieren gesunde Lebensmittel zu erzeugen. Pathogene Erreger sind Teil der belebten Umwelt und kommen gleichermaßen in jeder Haltungsform vor. Deshalb zielt der Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin darauf ab, Einzeltiere, Gruppen oder Bestände in einem frühen Erkrankungsstadium zu behandeln, damit eine Beeinträchtigung der Qualität der Lebensmittel Fleisch, Milch, Eier möglichst vermieden wird.

In Deutschland werden rund 40 kg Schweinefleisch, 10 kg Rindfleisch und 10 kg Geflügelfleisch pro Einwohner pro Jahr verzehrt. Bei einer Bevölkerung von 82 Mio Menschen ergibt dies eine Produktion von 4,2 Mio Tonnen Schweinefleisch, 1,2 Mio Tonnen Rindfleisch und 1,2 Mio Tonnen Geflügelfleisch. Diese Produktion findet überwiegend in bestimmten regional begrenzten Veredelungsgebieten statt. An erster Stelle gehört dazu Niedersachsen mit einem Anteil von 35% des Schweinefleisches und 50% der Putenproduktion. An zweiter Stelle kommt NRW mit 25% beim Schwein und 12% bei der Pute.

Zur Schätzung der Verbrauchsmengen stand das Veterinärpanel der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg den Mitgliedsfirmen zur Verfügung. Das Veterinärpanel basiert auf einer Stichprobenuntersuchung des Einkaufsverhaltens der niedergelassenen Tierärzte, vergleichbar mit anderen Panelerhebungen, die im Konsumgüter- und Lebensmittelsektor durchgeführt werden. Die Stichprobe versucht, möglichst repräsentativ die bezogenen Tierarzneimittelmengen zu erfassen und rechnet auf die Grundgesamtheit der niedergelassenen Tierärzte hoch. Das Panel erfasst nicht Verkäufe über die öffentlichen Apotheken. Die eigentliche Fragestellung des Panels sind Schätzungen der Umsätze. Die Fragestellung unserer Untersuchung war eine daraus abgeleitete Mengenkalkulation, die naturgemäß eine höhere Fehlerabweichung hat. In dieser Verbrauchsmengenschätzung gehen wir von einem Fehler von 10 – 20 % aus. Untersuchungs-zeitraum war das Jahr 2005. Vergleichsdaten aus dem Jahr 2003 wurden herangezogen. Basis waren die Veterinärantibiotikaumsätze in Deutschland und die daraus abgeleiteten verkauften Einheiten mit der Angabe ml, g oder Stück. Aus den verkauften Einheiten wurde über die angegebenen Konzentrationen auf die Wirkstoffmenge rückgerechnet. Die Einzelwirkstoffe wurden zu Wirkstoffklassen zusammengeführt, so dass kein Rückschluss auf ein einzelnes Produkt möglich ist.

Die Antibiotikagesamtmenge für Deutschland 2005 ergab 784 Tonnen im Vergleich zu 724 Tonnen zwei Jahre zuvor. Deutliche Änderungen ergaben sich bei Tetrazyklinen. Hier wurden im Jahr 2005 35 t weniger eingesetzt als im Vergleichsjahr 2003. Der Abfall korreliert mit dem Auslaufen von Zulassungen von mehreren niedrigpreisigen oralen Tetrazyklin-Produkten in dieser Zeit. Ein deutlicher Anstieg um 44 t wurde bei den beta-Lactamen registriert. Vor allem der Preisverfall bei Amoxicillinen hat voraussichtlich zum vermehrten Einsatz dieser Gruppe beigetragen. Auch Makrolide und Lincosamide nahmen erkennbar an Einsatzmenge zu. Der vermehrte therapeutische Einsatz dieser Wirkstoffe ist u. a. als kompensatorischer Effekt des freiwilligen Verzichts auf antibiotische Leistungsförderer in den Jahren 2004 und 2005 zu sehen und die daraus resultierende erhöhte Krankheitsinzidenz. Die Antibiotikagruppen der Fluorchinolone, Phenicole und Pleuromutiline blieben nahezu konstant auf niedrigem Niveau. Bei weiter gesteigerter tierischer Veredelung hat die Schweineproduktion innerhalb der letzten zwei Jahre um mehr als 1 Mio Stück zugenommen. Der moderate Anstieg des Antibiotikaeinsatzes erklärt sich durch diese Produktionsausweitung sowie durch Änderung der Produktionsweise und Preiswürdigkeit der Wirkstoffe.

Um die europäische Situation etwas besser zu verstehen, sollen zunächst kurz die Hauptveredelungsregionen für Schwein und Geflügel in Europa dargestellt werden. Von insgesamt 240 Mio Schweinen, die in Europa pro Jahr produziert werden, stammt der größte Teil mit 41,5 Mio aus Deutschland, gefolgt von Spanien, Frankreich, Dänemark und Niederlande. Die Geflügelfleischproduktion beträgt in Europa rund 11,2 Mio t. Größter Einzelproduzent ist Frankreich mit 1,95 Mio t, gefolgt von Großbritannien, Spanien, Deutschland und Benelux. Dementsprechend zu erwarten sind die Einsatzmengen von Antibiotika in den viehintensiven Ländern.

Für unseren Vergleich standen Berichte aus Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Dänemark zur Verfügung. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungsjahren zwischen 2003 und 2005 und sind deshalb wegen flukturierender Produktionsmengen nicht unmittelbar vergleichbar. Die Aggregation der Wirkstoffklassen in ein einheitliches Schema ist schwierig, da die Berichte in einzelnen Ländern unterschiedlich zusammengefasst wurden. Tendenzen sind jedoch erkennbar. In allen europäischen Veredelungsregionen ist ein wichtiger Bestandteil der antibiotischen Therapie die orale Verabreichung von Tetrazyklinen. Sie umfasst rund 50% der eingesetzten Menge. Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern kommen zustande durch unterschiedliche Produkte und Wirkstoffdosierungen. So wird in Dänemark überwiegend Doxycyclin eingesetzt, das 5-6fach niedriger dosiert wird als Tetrazyklin. Die im Vergleich hohe Menge an Chinolonen für Frankreich setzt sich zusammen aus der Summe von Fluorchinolonen und Chinolonen älterer Generationen.

Unterschiede in der Einsatzmenge können auch durch die Verschiedenheit der Haltungssysteme bedingt sein. Bei einer hohen Krankheitsanfälligkeit von Ferkeln mit einem Durchschnittsgewicht von 15 kg wird eine geringere Gesamtmenge benötigt als in Haltungssystemen, bei denen ein hoher Krankheitsdruck in der Gewichtsklasse zwischen 40 und 50 kg auftritt. Insgesamt sind reine Mengenangaben von begrenzter Aussagekraft für die Qualität und Sicherheit der erzeugten tierischen Lebensmittel. Preisgefüge, Verabreichungsformen, zugelassene Dosierung und Behandlungsdauer bestimmen ganz wesentlich den Einsatz von Antibiotika. Entscheidend für den sicheren Umgang mit diesen hochwirksamen und für die Gesunderhaltung der Tiere in den Beständen unverzichtbaren Wirkstoffgruppen ist die klare Indikation nach Diagnosestellung, die sorgfältig zeitlich definierte Therapie sowie die Einhaltung der vorgeschriebenen Wartezeiten.

Der Vortrag als PDF Download (180KB)