BfT Special Nr. 53 / Juni 2011


Das aktuelle Interview: Die Tiergesundheitsindustrie "Klein in Größe, groß in Wirkung"

• Eine 25-jährige Erfolgsgeschichte

Der Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) hat vor wenigen Tagen sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Der Blickpunkt sprach mit Dr. Dieter Schillinger, Merial und Präsident des BfT, über Erfolge der Tiergesundheitsindustrie und künftige Entwicklungen.

Blickpunkt: Herr Dr. Schillinger, Sie überblicken 25 Jahre in der Tiergesundheitsindustrie. Was waren aus Ihrer Sicht die Meilensteine? Welche Erfolgsgeschichten gibt es?

Dr. Schillinger: Ja, es ist richtig, auch ich bin seit 25 Jahren in der Tiergesundheitsindustrie tätig. In dieser Zeit begann der Aufstieg der Avermectine, den ersten Wirkstoffen, die gleichzeitig gegen Magen-Darm- und Lungenwürmer als auch gegen Parasiten der Haut, beispielsweise Räudemilben und Läuse bei Rind und Schwein, wirkten. Ebenfalls vor 25 Jahren wurde die Aujeszky-Pflichtimpfung bei Schweinen eingeführt, die damals zum ersten Mal mit gendeletierten Markerimpfstoffen durchgeführt werden konnte und letztendlich in Deutschland zur Tilgung der Krankheit geführt hat.

In der Folge wurden mit Mykoplasmen-, PRRS- und Circo-Impfstoffen beim Schwein Prophylaxemaßnahmen eingeführt, die die Gesundheit in der Schweinehaltung deutlich verbessert haben. Ein besonderer Meilenstein war aber natürlich auch die extrem schnelle Verfügbarkeit von Blauzungenimpfstoffen nach Ausbruch der Erkrankung bei Wiederkäuern in Deutschland.

Blickpunkt: In der Öffentlichkeit kritisch diskutiert werden derzeit der Einsatz von Antibiotika und auch Fragen des Tierschutzes. Welchen Beitrag kann die Tiergesundheitsindustrie hier leisten?

Dr. Schillinger: Wo Infektionskrankheiten nicht mit Impfstoffen vorgebeugt werden kann, spielen Antibiotika auch weiterhin eine wichtige Rolle, um Tiergesundheit und Tierschutz sicherzustellen. Moderne Wirkstoffe haben die Effizienz der antibiotischen Therapie deutlich verbessert. Selbstverständlich ist es, dass wir zusammen mit den Tierärzten um einen verantwortlichen Einsatz bemüht sind.

Eine wirkliche Innovation – auch im Sinne des Tierschutzes – ist die im Jahre 2009 eingeführte Impfung zur Vermeidung des Ebergeruches beim Schwein. Hiermit steht eine Ersatzmethode für die blutige Kastration von Ferkeln zur Verfügung. Auch bei der Schmerztherapie wurden mit der Entwicklung moderner nicht-steroidaler Entzündungshemmer wesentliche Fortschritte erreicht. Dies gilt sowohl für Nutz- als auch für Hobbytiere.

Blickpunkt: Welche weiteren Entwicklungen gab es im Kleintier-Bereich? Was waren die größten Erfolge?

Dr. Schillinger: Neue diagnostische, chirurgische und therapeutische Ansätze haben dazu geführt, dass Hunde und Katzen bei guter Gesundheit immer älter werden. Dieser Innovationsschub in der Kleintiermedizin wurde von zahlreichen Neuentwicklungen im Bereich Tierarzneimittel begleitet. So begann im Jahre 1995 der Einzug der ACE-Hemmer zur Behandlung der Herzinsuffizienz bei Hunden – auch eine Standardtherapie beim Menschen. Ebenso verhält es sich mit der Behandlung des Diabetes beim Hund mit Insulin.

Eine Revolution bei der Floh- und Zeckenbekämpfung von Kleintieren war die Einführung von Spot-on-Formulierungen. Durch Auftropfen auf das Fell liegt eine einfache und effektive Anwendung von parasitären Wirkstoffen vor.

Blickpunkt: Wie sieht es bei den Kleintieren im Impfstoffbereich aus? Was hat sich hier verändert?

Dr. Schillinger: Auch im Impfstoffbereich sind erfolgreiche Entwicklungen umgesetzt worden. Kombinationsimpfstoffe erleichtern durch einmalige Impfung sozusagen einen „Rundum-schutz“. Die Einführung von Borreliose-Impfstoffen für den Hund hat das Spektrum der durch Impfung vorzubeugenden Erkrankungen um eine bakterielle Erkrankung, die durch Zecken übertragen wird, erweitert.

Blickpunkt: Welche Schwerpunkte und Herausforderungen für die Tiergesundheitsindustrie sehen Sie für die Zukunft?

Dr. Schillinger: „Klein in Größe, groß in Wirkung“, so würde ich die Bedeutung der Tiergesundheitsindustrie beschreiben. Der weltweite Umsatz unserer Industrie beträgt nur etwa zwei Prozent dessen der Humanmedizin. Aber mit den Auswirkungen, die unsere Impfstoffe und Arzneimittel auf Tiergesundheit, Tierschutz und öffentliche Gesundheit sowie auf eine wirtschaftliche Produktion von tierischen Lebensmitteln haben, ist die Wirkung vielfältig und umfassend.

Eine große Herausforderung für die Zukunft ist das Auftreten von Krankheiten, die derzeit noch nicht von Bedeutung in Deutschland sind, beispielsweise Afrikanische Schweinepest, Rifttal Fieber, neue Stämme des Blauzungenvirus, Afrikanische Pferdepest oder West Nil Fieber.