Qualzuchten bei Haustieren: Hintergrund, rechtlicher Rahmen und Bewertung

Was ist Qualzucht?

Unter Qualzucht versteht man die gezielte Zucht von Tieren, bei der genetisch bedingte Merkmale verstärkt werden, obwohl sie mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sind. Im Fokus stehen extreme Körperformen und andere Eigenschaften, die wichtige Funktionen des Körpers – etwa Atmung, Bewegung oder Sinneswahrnehmung – und damit die Gesundheit der Tiere beeinträchtigen können. Diese Merkmale sind erblich und werden über Generationen weiter selektiert. Betroffene Tiere leiden oft ihr Leben lang unter diesen Beeinträchtigungen. Oftmals sind (kostenintensive) tierärztliche Behandlungen erforderlich, um die Folgen zu mildern. 

Gesetzliche Grundlagen

Die rechtliche Grundlage zur Bewertung solcher Zuchtpraktiken bildet in Deutschland § 11b des Tierschutzgesetzes. Dieser untersagt die Zucht von Wirbeltieren, wenn zu erwarten ist, dass deren Nachkommen unter Schmerzen, Leiden oder Schäden leiden oder in ihrer artgemäßen Lebensweise eingeschränkt sind. Zur Konkretisierung wurden Leitlinien des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt. Ergänzend stellen tierärztliche Organisationen wie die Bundestierärztekammer fachliche Bewertungskriterien bereit.

Beispiele für Qualzuchtmerkmale

 

Kurzköpfigkeit

Ein zentrales Beispiel für Qualzuchtmerkmale stellt die Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) dar. Bei Rassen wie Mops, Französischer Bulldogge oder auch bei der Perserkatze führt die Verkürzung des Gesichtsschädels bei gleichzeitig unverändertem Weichteilgewebe zu einer relativen Verengung der oberen Atemwege. Charakteristisch sind verengte Nasenöffnungen und ein verlängerter weicher Gaumen. Betroffene Tiere zeigen lautes Atmen, Belastungsintoleranz und Atemnot. Darüber hinaus kommt es zu einer eingeschränkten Thermoregulation, da die Wärmeabgabe über die Atmung reduziert ist. Häufig treten zusätzlich Zahnfehlstellungen infolge des verkürzten Kiefers sowie Augenerkrankungen (z. B. Hornhautverletzungen) auf, da diese durch die verkürzte Kopfform häufig Kontakt mit Hautfalten haben und auch gegenüber äußeren Einflüssen schlechter geschützt sind.

Disproportionierter Körperbau

Ein weiteres wichtiges Beispiel ist der disproportionierte Körperbau, wie er bei Rassen wie Dackel oder Basset Hound vorkommt. Ursache ist eine genetisch bedingte Störung der Knorpelentwicklung (Chondrodysplasie). Diese führt zu verkürzten Gliedmaßen bei gleichzeitig verlängertem Körper. Die Belastung der Wirbelsäule ist dadurch deutlich erhöht. Die Hunde zeigen erhöhte Neigung zu Bandscheibenvorfällen. Klinisch äußert sich dies in Schmerzen, neurologischen Ausfällen und häufig notwendiger chirurgischer Versorgung.

Hautfalten

Auch Hautfalten können ein relevantes Qualzuchtmerkmal darstellen. Beim Shar-Pei führen ausgeprägte Hautfalten zu einem feuchten Mikroklima, das die Entstehung von Hautentzündungen begünstigt. In der Folge kommt es häufig zu bakteriellen und Pilzinfektionen. 

Extreme Körpergröße bei Hunden

Auch eine extreme Körpergröße kann mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein. Bei sehr großen Hunderassen wie Deutsche Dogge ist das Wachstum beschleunigt und die Körpermasse hoch, was zu einer erhöhten mechanischen Belastung des Bewegungsapparates führt. Wissenschaftlich belegt ist ein erhöhtes Risiko für orthopädische Erkrankungen wie Hüftgelenksdysplasie sowie für degenerative Gelenkerkrankungen. 

Extrem kleine Körpergröße

Am anderen Ende des Spektrums stehen sehr kleine Hunderassen wie Chihuahua oder Zwergspitz. Die gezielte Selektion auf eine minimale Körpergröße ist mit spezifischen gesundheitlichen Problemen verbunden. Dazu gehören unter anderem persistierende Fontanellen (ausbleibende Verknöcherungen des Hirnschädels), Zahnfehlstellungen aufgrund eines zu kleinen Kiefers sowie eine erhöhte Anfälligkeit für Knochenbrüche. Neurologisch relevant ist insbesondere der Wasserkopf (Hydrozephalus), der bei kleinen Rassen häufiger beschrieben wird. 

Spezielle Färbungen

Auch bestimmte Fellfarben oder Farbzeichnungen können mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein, da sie auf genetischen Veränderungen beruhen, die nicht ausschließlich die Pigmentierung betreffen. Ein bekanntes Beispiel ist das Merle-Gen bei Hunden. Die Verpaarung von Trägern dieses Gens kann zu schweren gesundheitlichen Schäden führen, darunter angeborene Taubheit, Augenfehlbildungen und Blindheit.

Systemische genetische Effekte

Ein besonders eindrückliches Beispiel für systemische Auswirkungen genetischer Veränderungen ist die Katze der Rasse Scottish Fold. Die für die charakteristischen Faltohren verantwortliche Mutation führt nicht nur zu einer Veränderung der Ohrknorpel, sondern zu einer generalisierten Störung der Knorpelentwicklung. Diese betrifft das gesamte Knorpel- und Skelettsystem. Klinisch kommt es zu Gelenkveränderungen und chronischen Schmerzen. Die Ohrform ist damit lediglich das sichtbare Zeichen einer systemischen Erkrankung.

Haarlosigkeit bei Katzen

Die gezielte Zucht haarloser Katzen wie der Sphynx beruht auf genetischen Veränderungen, die die Ausbildung des Fells betreffen. Das Fehlen des Fells beeinträchtigt die Thermoregulation und erhöht die Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen. Zudem ist die Haut ungeschützt, was zu dermatologischen Problemen führen kann. 

Qualzuchtmerkmale bei weiteren Tierarten

Qualzucht ist kein ausschließliches Problem bei Hunden und Katzen. Auch bei anderen Tierarten sind vergleichbare Entwicklungen dokumentiert. Bei Kaninchen können hängende Ohren zu chronischen Entzündungen führen. In extremer Ausprägung sind Hörvermögen und Sicht eingeschränkt. Das Sozialverhalten ist ebenfalls beeinträchtigt. Nacktmeerschweinchen (Skinny pigs) haben empfindliche Haut und sind gegenüber Kälte und Sonneneinstrahlung ungeschützt. Bei Tauben und Zierhühnern sind extreme Federausbildungen und Verkürzungen des Schnabels oder der Beine zu nennen. Sie erschweren die Nahrungsaufnahme, Fortbewegung und die artgemäße Fortpflanzung und Aufzucht.

Maßnahmen und Herausforderungen

Zur Reduktion von Qualzucht wurden verschiedene Maßnahmen initiiert, darunter viele Initiativen, Informationskampagnen und wissenschaftliche Datenbanken (z.B. QUEN-Datenbank). Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen durch fehlendes Bewusstsein der Tierhalter und der Gesellschaft, hohe Nachfrage und internationale Zuchtstrukturen. 

Die Zucht und oft auch illegale Einfuhr dieser Rassen und von Tieren mit besonders ausgeprägten Merkmalen wird durch die regelmäßige – bei Moderassen sogar oft besonders hohe – Nachfrage gefördert. Verantwortliche Tierhalter sollten vom Kauf solcher Tiere Abstand nehmen. 

 

Stand 22.06.2026

 

Weiterführende Links 

Bundestierärztekammer – Qualzucht

https://www.bundestieraerztekammer.de/tierhalter/qualzuchten/index.php 

 

Tierschutzbund – Qualzucht bedeutet lebenslanges Leid für Tiere

https://www.tierschutzbund.de/tiere-themen/haustiere/qualzucht/ 

FREI SCHNAUZE – Erkenne Qualzucht, Aufklärungskampagne und Film der Landestierschutzbeauftragten Baden-Württemberg

https://mlr.baden-wuerttemberg.de/de/unser-haus/die-landesbeauftragte-fuer-tierschutz/qualzucht 

 

Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen), Sachverständigengruppe* Tierschutz und Heimtierzucht, 2005

https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Tierschutz/Gutachten-Leitlinien/Qualzucht.pdf?__blob=publicationFile&v=2

 

Stand 24.06.2026



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